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Cesar Pavese

  • Die Erde und der Tod 1945 - 1946

 

ROTE ERDE, schwarze Erde,

du kommst aus dem Meer,

aus versengtem Grün,

der Heimstatt alter Worte

und blutiger Mühsal,

wo zwischen den Steinen

Geranien wachsen -

nicht wissend, wieviel an Worten

und Mühsal du bringst aus dem Meer,

du reich wie Erinnerung

und trockenes Land,

du hartes und liebstes Wort

blutalt in den Augen verwahrt,

du jung wie eine Frucht

aus Erinnerung und Jahrzeit-

unterm Augusthimmel

ruht dein Atem aus,

dein Olivenauge

besänftigt das Meer,

und du lebst, lebst wieder

ohne Verwundern, gewiss

wie die Erde, dunkel

wie die Erde, Älmuhle

der Jahrzeiten und der Träume,

die sich im Mond zeigt, uralt

wie die Hände der Mutter,

die Schale des Kohlenbeckens.


DU BIST WIE ein Land,

das noch keiner genannt.

Du erwartest nichts

nur das Wort,

das dem Grund entspringt

wie die Frucht dem Zweig.

Es berührt dich ein Wind.

Totes und Trockenes

hemmt dich und geht mit dem Wind.

Verbrauchte Glieder und Worte.

Dir ist bang im Sommer.


AUCH DU BIST Hügel

und Steinpfad

Bewegung im Schilf,

zu Haus im Weinberg

und seiner lautlosen Nacht.

Du sagst kein Wort.

 

Es gibt eine lautlose Erde,

nicht deine Erde.

Es gibt ein Schweigen, das anhält

in Pflanzen und Hugeln.

Wasser gibt es und Länder.

 

Schweigen bist du

und unauflösbar.

Deine Lippen und Augen sind dunkel.

Du bist der Weinberg.

 

Es gibt eine Erde,

die wartet und schweigt

Tage sind unter brennendem

Himmel vergangen.

Du hast die Wolken gespielt.

Es gibt eine schreckliche Erde-

dein Antlitz weiss es.

Auch das ist der Weinberg.

 

Wie Mondschatten wiederfinden

wirst du die Wolken

das Schilf und die Stimmen.

Wiederfinden wirst du Worte

jenseits des kurzen Lebens

und nächtlicher Spiele,

verbrennender Kindheit.

Schön ist das Schweigen.

 

Du, Erde und Weinberg.

Ein Schweigen aus Feuer

wird Land verbrennen

wie Leuchtfeuer, nachts.


D E I N G E S I C H T, aus Stein geschlagen,

dein Blut aus harter Erde,

du kommst aus dem Meer.

Alles empfängst und erforschst du

und wirfst es von dir

wie das Meer. Im Herzen

Schweigen und verschluckte Worte.

Dunkel bist du. Für dich

ist der Morgen ein Schweigen.

 

Du bist die vielstimmige

Erde, das Schlagen

des Eimers im Brunnen,

das Singen des Feuers,

ein fallender Apfel;

die dumpfen erschöpften

Worte auf der Schwelle

der Schrei des Kindes- Dinge

die nicht vergehen.

Dunkel bist du.

Du veränderst dich nicht.

 

Du bist der verschlossene Keller

aus gestampfter Erde

den einmal, barfuss

das Kind betrat

und kannst nicht vergessen.

Du bist das dunkle Zimmer

und es denkt daran immer

wie an den alten Hof

wo der Morgen sich auftat.


DU weisst die Hügel nicht,

wo das Blut rann.

Alle flohen wir,

alle warfen wir weg

Waffe und Namen. Ein Weib

sah uns fliehen.

Nur einer von uns stand

still mit geballter Faust,

sah den leeren Himmel,

neigte das Haupt und starb

schweigend unter der Mauer.

Jetzt ist er ein blutiger Fetzen

und sein Name. Ein Weib

wartet unter den Hügeln.


AUS SALZ und aus Erde

ist dein Blick. Einst

hattest du Meer in deinen Poren.

Pflanzen schmiegten sich

um deine Seiten, heiss,

und sie riechen noch immer nach dir.

Agave und Oleander.

Alles verschliesst dein Blick.

Aus Salz und aus Erde

sind deine Adern, dein Atem.

 

Gischt eines heissen Windes,

Schatten sengender Sonnentage -

alles verschliesst du in dir.

Du bist die rauhe Stimme

der Felder, der Ruf

der versteckten Wachtel,

die Warme des Steins.

Die Felder sind Mühe,

die Felder sind Schmerz.

Bei Nacht schweigt

die Gebärde des Bauern.

Du bist die grosse Mühsal

und die Nacht, die sättigt.

 

Wie der Fels und das Gras,

wie die Erde bist du verschlossen;

du bist wie die Woge des Meeres.

Kein Wort,

das dich besitzen kann

oder halten. Du empfangst

Stösse wie die Erde

und machst daraus Leben, Atem,

der liebkost, Schweigen.

Du bist verdorrt wie das Meer,

wie eine Frucht zwischen Felsen,

und sagst kein Wort,

und niemand spricht zu dir.


IMMER NOCH BIST du vom Meer

und hast dessen rauhe Stimme,

hast du vom lebendigen Wasser

zwischen den Brombeersträuchern

geheimniserfüllte Augen

und eine niedrige Stirn

wie ein von Wolken niedriger Himmel.

Jedes Mal lebst du von neuem,

wie etwas Altes und Ungezähmtes,

das dein Herz schon kannte, und es verschliesst sich.

 

Jedes Mal ist es ein Riss,

jedes Mal ist es der Tod.

Immer haben wir gekämpft.

Wer sich zum Kampf entschliesst,

hat den Tod schon gekostet

und trägt ihn im Blut.

So wie gute Feinde,

die sich nicht mehr hassen,

haben wir eine

Stimme, eine Qual,

und leben Aug' in Aug'

unter armseligem Himmel.

Zwischen uns keine Hinterlist,

nichts Unnötiges-

wir werden immer kämpfen.

Wir werden weiterkämpfen,

wir werden immer kämpfen,

weil wir den Todesschlaf suchen,

nebeneinander,

und wir haben eine rauhe Stimme,

eine niedrige und ungezähmte Stirn

und denselben Himmel.

Dafür wurden wir erschaffen.

Wenn einer von uns dem Stoss nachgibt,

 

folgt eine lange Nacht,

die weder Friede und Stillstand ist,

noch wirklicher Tod.

Du bist nicht mehr. Die Hände

ringen vergeblich.

 

Solange das Herz uns zittert.

Deinen Namen haben sie genannt.

Der Tod beginnt immer wieder.

Du, Unbekanntes und Ungezähmtes,

bist aus dem Meer wiedergeboren.


WIR FEIGLINGE ABER,

die den flüsternden

Abend liebten, die Häuser,

die Wege am Fluss,

die roten und schmutzigen Lichter

jener Orte, den Schmerz

gestillt und besänftigt-

wir rissen die Hände

aus der lebenden Kette

und schwiegen, aber im Herzen

schreckte das Blut auf,

keine Sänftigung blieb,

kein Abschiednehmen

auf den Wegen am Fluss-

keine Sklaven mehr, wussten

wir uns allein und lebendig.


DIE ERDE BIST DU und der Tod.

Deine Jahrzeit ist das Dunkel

und die Stille. Ferner lebt

nichts der Morgenröte.

 

Willst du erwachen,

bist du ganz Schmerz;

in den Augen, im Blut

trägst du ihn, fühllos,

lebst wie ein Stein,

wie die harte Erde.

Träume kleiden dich,

schluchzende, unbewusste.

Der Schmerz

bebt und umschliesst dich

wie Wasser eines Sees.

Alle lässt du dahingehn,

bist die Erde und der Tod.

 

In the morning

you always come back

 

Der Spalt der Frühe

atmet mit deinem Mund

am Ende leerer Strassen.

Graues Licht deine Augen,

sanfte Tropfen der Frühe

auf dunklen Hügeln.

Dein Schritt und dein Atem

überfluten die Hauser

wie Frühwind.

Die Stadt erschauert,

es duften die Steine,

du bist das Leben

und sein Erwachen.

 

Verirrter Stern

im Licht der Frühe,

knisternde Brise,

Atem, Warme-

die Nacht ist zu Ende.

 

Du bist das Licht

und der Morgen.


DER TOD WIRD kommen, und er wird deine Augen haben -

dieser Tod, der uns tagaus, tagein

begleitet, schlaflos,

hohl wie langst verjahrte Reue

oder törichtes Laster. Deine Augeri

werden ein leeres Wort sein,

ein stummer Schrei, ein Schweigen.

So siehst du sie jeden Morgen,

wenn du dich über dich neigst, allein,

im Spiegel. O liebe Hoffnung,

an jenem Tag werden auch wir wissen,

dass du das Leben bist und das Nichts.

 

Für alle hat der Tod einen Blick.

Der Tod wird kommen, und er wird deine Augen haben.

Es wird sein wie das Aufgeben eines Lasters,

als erschiene im Spiegel

ein totes Gesicht,

als lauschte man geschlossenen Lippen.

Stumm werden wir in den Abgrund steigen.

 

You, wind of March

 

Du bist das Leben, der Tod.

Du bist im März

auf die nackte Erde gekommen -

dein Erschauern hält an.

Blut des Frühlings

- Wolke, Anemone-

dein leichter Schritt

hat die Erde verletzt.

Von neuem der Schmerz.

 

Dein leichter Schritt

hat aufgerissen den Schmerz.

Die Erde war kalt

unter armem Himmel,

unbeweglich, verschlossen

in dumpfem Traum

wie am Ende der Leiden.

Sanft war auch das Eis

im tiefsten Herzen.

Die Hoffnung schwieg

zwischen Leben und Tod.

 

Blut und Stimme hat jetzt

jedes lebende Ding,

Erde und Himmel sind

ein starkes Erschauern,

von Hoffnung gequält,

vom Morgen aufgewühlt

dein Schritt geht darüber,

dein Atem aus Morgenröte.

Blut des Frühlings,

die Erde bewegt

von uraltem Zittern.

 

Du hast den Schmerz

wieder aufgerissen.

Du bist das Leben, der Tod.

Leicht bist du über

die nackte Erde gegangen

wie die Wolke, die Schwalbe,

der Sturzbach des Herzens

ist wieder erwacht, bricht los

und spiegelt sich im Himmel,

widerspiegelt die Dinge-

und die Dinge des Himmels, des Herzens

leidend gebeutelt

im Warten auf dich.

Morgen, Morgenröte,

Blut des Frühlings,

du hast die Erde verletzt.

 

Die Hoffnung, gequält,

erwartet und ruft dich.

Du bist das Leben, der Tod.

Dein Schritt ist leicht.

 

Über die Piazza di Spagna

werd ich gehen

 

Ein klarer Himmel wird sein.

Die Strassen werden sich öffnen

auf debn Hügelen der Pinien und Steine

Das Getümmel der Strassen

wird jene unbewegliche Luft nicht trüben.

Die farbsprühenden Blumen der Brunnen

werden blinzeln

wie belustigte Frauen. Die Treppen,

Terrassen, die Schwalben

werden im Sonnenlicht singen,

schwirrend wird schlagen das Herz

wie die Wasser der Brunnen -

dies wird die Stimme sein,

die deine Treppen ersteigt.

Die Fenster kennen den frühen

Ruch von Gestein und Luft.

Eine Tür wird aufgehn.

Das Getümmel der Strassen

wird sein des Herzens

Aufruhr im bleichen Licht.

 

Du wirst es sein - wirklich und hell.


KLAR UND VERLASSEN

gehen die Morgen hin.

So taten einst

deine Augen sich auf. Langsam

verstrich der Morgen, ein Abgrund

unbeweglichen Lichts. Er schwieg.

Du Lebendige schwiegst, unter deinen

Augen lebten die Dinge

(kein Bangen, kein Fieber, kein Schatten)

klar wie ein Morgenmeer.

 

Wo bist du, Licht, es ist Morgen.

Leben und Dinge warst du,

Und wir atmeten wach

in dir unterm Himmel,

der noch in uns ist.

Ohne Schmerz, ohne Fieber,

ohne den schweren Schatten des grausam

drängenden Tags. O Licht,

ferne Klarheit, angstvolles Atmen,

richte die unbewegten,

klaren Augen auf uns !

Dunkel vergeht der Morgen

ohne das Licht deiner Augen.

 

The night you slept

Auch die Nacht ist dir ähnlich,

die ferne Nacht, die schweigend

weint im tiefen Herzen,

und müde gehn die Sterne.

Wange rührt an Wange-

ein kalter Schauder ist's, jemand

schrickt auf und fleht dich an, verlassen,

in dir verloren, in deinem Fieber.

 

Die Nacht seufzt und sehnt sich ins Licht,

armes zuckendes Herz.

O verschlossenes Antlitz, finstere Angst, Fieber,

das die Sterne betrubt,

jemand wie du harrt dem Lichte entgegen,

forscht still in deinem Gesicht.

Unter die Nacht gestreckt, liegst du

wie ein verschlossener, toter

Horizont, zuckendes armes Herz;

an einem fernen Tag

warst du Frühlicht.

 

The cats will know

 

Wieder wird es regnen

auf dein sanftes Pflaster,

ein Regen, so leicht

wie ein Atemhauch oder ein Schritt.

Wieder werden Wind und Morgen

zart erblühen,

wie unter deinem Schritt,

wenn du heimkehrst.

Zwischen Blumen und Fensterbänken

werden die Katzen es wissen.

 

Es wird andere Tage geben,

andere Stimmen werden sein.

Ganz alleine wirst du lächeln.

Die Katzen werden es wissen.

Du wirst alte Worte hören,

mude Worte und verbrauchte,

so wie abgelegte Kleider

vergangener Feste.

 

Auch du wirst deine Gesten haben.

Du wirst Worte erwidern -

Frühlingsgesicht,

auch du wirst deine Gesten haben.

 

Die Katzen werden es wissen,

Frühlingsgesicht;

und der leichte Regen,

der hyazinthene Morgen,

die das Herz dem weiten,

der nicht mehr auf dich hofft,

sie sind das traurige Lächeln,

das du alleine lächelst.

Es wird andere Tage geben,

andere Stimmen und Erwachen.

Leiden werden wir, wenn der Morgen graut

Frühlingsgesicht.

 

 


                         

canandanann  31-01-07

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